In weniger als drei Monaten öffnet das um- und ausgebaute Wien Museum am Nikolotag wieder seine Pforten - und präsentiert dem Publikum seine völlig neue Dauerausstellung.
Diese ist durch eine ganze Ebene für das 20. Jahrhundert und "Stadtfenster" in die Jetztzeit nicht nur gegenwärtiger als ihre Vorgängerin, sondern bietet auch originelle Attraktionen vom Periskop in den Stephansdom bis zur furzenden Biedermeier-Ziege.
Wien Museum Neu öffnet am Nikolotag wieder seine Pforten
Seit der Fertigstellung des völlig renovierten und um zwei Etagen aufgestockten Haerdtl-Baus aus den 1950er-Jahren am Karlsplatz werden die Schätze für die künftige permanente Schau sukzessive an ihren künftigen Platz gebracht. Es seien immer wieder besondere Momente, wenn sich endlich materialisiere, was jahrelang nur im Kopf bzw. auf Computerrenderings existiert hat, schwärmen die Projektleiterinnen Elke Doppler und Michaela Kronberger. Bei einem Rundgang mit der APA durch die Räume wird gerade der kürzlich angekommene Original-Donnerbrunnen mit einer Hebevorrichtung an die richtige Stelle in der zentralen Halle für Großobjekte manövriert. Es herrscht fast andächtige Stille unter dem anwesenden Museumspersonal. "Die Kuratorin hat jahrelang auf diesen Moment hingearbeitet", flüstert Kronberger.
Dass die Konzeption
einer neuen Dauerausstellung kein Kinderspiel ist, zeigt sich schon
daran, dass bis zu 100 Leute mit dieser Aufgabe beschäftigt waren und sind. Und
begonnen hat das Tüfteln bereits 2016 - also vier Jahre vor dem
eigentlichen Baustart. Das Leitungsduo berichtet von unzähligen
Sitzungen, durchaus hitzigen Diskussionen und
immer wieder verworfenen Ideen. Herausgekommen ist letztendlich ein
drei Geschoße umspannender chronologischer Spaziergang durch die
Geschichte Wiens, der in 13 Kapiteln von der ersten Besiedlung bis in die Gegenwart führt.
Neue Dauerausstellung im Wien Museum
Stadthistorie wird anhand von 1.700 Objekten erzählt
Erzählt wird die Stadthistorie anhand von 1.700 Objekten, wobei mehr als die Hälfte inzwischen ihren Weg vom Depot ins Museum
gefunden hat. Spätestens bis zur anvisierten Eröffnung am 6. Dezember
muss alles fertig sein. Im Erdgeschoß herrscht derzeit allerdings noch
White-Cube-Atmosphäre. Obwohl der Startpunkt mit der Siedlungsgeschichte
Tausende Jahre in der Vergangenheit liegt, versuchen die
Ausstellungsmacherinnen bereits hier, eine
Brücke in die Gegenwart zu schlagen. Mit einer Art Ökoinstallation auf
Basis archäologischer Ausgrabungen auf der Baustelle werden die
Umweltsünden der vergangenen 200 Jahre am Standort quasi als Pars pro
toto sichtbar gemacht - vom Verbau des Wienflusses und
der Einplanierung von Müll über Versiegelung von Naturraum bis zum
Nachweis radioaktiven Materials durch weit entfernte Atombombentests.
"Man wird sofort kapieren, warum die alte Zeit etwas mit der aktuellen
Gegenwart zu tun hat", verspricht Kronberger. Eines
von sechs "Stadtfenstern" - ein Format, das quer durch die Ausstellung
Bezüge zur unmittelbaren Gegenwart herstellen soll - findet sich hier
ebenfalls bereits und verweist etwa auf die "Fridays for Future"-Bewegung.
Weiter
geht es mit dem Mittelalter, wo erstmals ein Modell aus dem 3D-Drucker
das damalige Stadtgebiet - Ergebnis dreijähriger Forschungsarbeiten -
anschaulich macht und mittels interaktiver Station Gerüche und
Klänge der damaligen Zeit nachempfunden werden können. Überhaupt soll
das Alltagsleben quer durch die Geschichte immer wieder erfahrbar
werden. Der Bau von St. Stephan spielt in diesem Abschnitt eine
zentrale Rolle, wobei von der Decke ein sechs Meter hohes Modell des
Doms aus dem 19. Jahrhundert hängen wird, in das man früher den Kopf
stecken konnte und
das nun aus konservatorischen Gründen immerhin mit einem Periskop
erkundet werden kann. Nach der Renaissance beschließt die
Türkenbelagerung von 1683 das erste Ausstellungsgeschoß. Nicht die
Ereignisgeschichte selbst, sondern auch ihre Lesarten bzw. die
politische Instrumentalisierung im Lauf der Zeit bis hinein in
Wahlkämpfe der jüngeren Vergangenheit werden hier beleuchtet. Kronberger
spricht von "einem der schwierigsten Kapitel, an dem ich in meinem
Leben mitgearbeitet habe".
Furzende Biedermeier-Ziege
Über die neue Innenbetontreppe, die die Ebenen miteinander verbindet und den Blick stets auf die zentrale Großobjekthalle freigibt, geht es im ersten Stock weiter mit Barock und
Aufklärung. Anhand des dortigen Pompejanischen Salons erklärt Doppler,
wie in der künftigen Dauerschau bereits bekannte Objekte neue
Geschichten erzählen soll. Denn die Räume werden mit einer Collage
vertonter authentischer Dialoge rund um den Wiener Kongress bespielt. "Das war richtiger Gossip." Im Biedermeier-Kapitel soll Gemälden dank eines
DJ-Pults Leben eingehaucht werden, indem man in atmosphärische
Klangteppiche den dargestellten Motiven entsprechenden Geräusche
reinsampeln kann - vom schimpfenden Großvater über den Los anpreisenden
Bettlerburschen bis zur furzenden Ziege.
Was Spaß macht, muss aber nicht unernst sein: Denn Grafiken zu Armut
oder Wohnungslosigkeit sollen die vermeintliche Biedermeier-Idylle
konterkarieren. Eine Bodenmarkierung vor dem Grillparzer-Zimmer veranschaulicht, wie viel oder besser wenig Platz das Dienstmädchen des Dichters zur Verfügung hatte: 1,4 Quadratmeter ohne Fenster.
Immer
wieder soll die Ausstellungsarchitektur mit dem Inhalt des jeweiligen
Kapitels korrespondieren. Um etwa die gesellschaftliche Enge im Vormärz
spürbar zu machen, verjüngt sich die Raumflucht zusehends. Nach dem
Revolutionsjahr 1848 landet man im Ziegelrot ausgekleideten Kapitel über
den Ringstraßenbau und den großen Infrastrukturprojekten rund um die Weltausstellung 1873.
Drittes Geschoß ist 20. Jahrhundert gewidmet
Das dritte Geschoß ist allein dem 20. Jahrhundert gewidmet - und damit einer Zeitspanne, die in der vormaligen und um ein Drittel kleineren Dauerschau keinen Platz fand. Kunst-Kostbarkeiten aus dem Wien
der Jahrhundertwende, aber auch dem aufkeimenden Antisemitismus mit
Karl Lueger - ein "Stadtfenster" ist der aktuellen Debatte um
Denkmalkultur gewidmet - und Elendsbilder aus der Kanalisation bekommt das Publikum hier zu sehen, bevor dem Roten Wien und seinen Errungenschaften viel
Aufmerksamkeit geschenkt wird. Während der Austrofaschismus eher auf
überschaubarem Raum abgehandelt wird, wird der Nationalsozialismus sehr
ausführlich beleuchtet. "Hier wird Wien als Zentrum eines
auf wissenschaftlicher Basis fußenden Systems, das in andere Großstädte
exportiert wurde, gezeigt, die jüdische Bevölkerung systematisch ans
Messer zu liefern", erklärt Kronberger. In einem eigenen Bereich geht es
dann um die - so die These - bis heute nicht abgeschlossene
Aufarbeitung der Nazi-Gräuel. Die Nachkriegszeit ist geprägt von der
Entwicklung der Donaumetropole zur Autostadt und entsprechenden Gegenbewegungen, dem U-Bahn-Bau, dem Kampf um den öffentlichen Raum und Migrationsbewegungen - Stichwort Gastarbeiter. Zwei Formularseiten für Zuzügler aus anderen Bundesländern und
ein ganzer Aktenordner voll Papierkram für Nicht-EU-Bürger sollen
verdeutlichen, dass die Willkommenskultur zumindest aus bürokratischer
Sicht nicht für alle Menschen in gleichem Umfang besteht.
Als Outro haben sich die Ausstellungsmacherinnen eine "emotionale Wien-Karte" einfallen lassen. Auf ein großes Luftbild können Besucherinnen und Besucher mit farbigen Stickern bestimmte Fragen zum Lebensgefühl in der Stadt beantworten. Zum Auftakt soll man kundtun, wo man sich in Wien am liebsten trifft. Man darf gespannt sein, wie viele Pickerl das Wien Museum einheimsen kann.