Am Montagabend sang der schottische Soul-Pop-Rock-Sänger Paolo Nutini im Wiener Gasometer zu Konzertbeginn: "I could not seem to find a way out of my worried mind".
Immerhin um die acht Jahre dauerte es, bis er 2022 mit einem neuen Album aufwartete. Ob hinter der Pause psychische Paralyse stand, wurde in Wien nicht klar. Falls es sie gab, war davon gestern wenig zu spüren. Gesanglich macht dem mittlerweile 36-Jährigen niemand etwas vor. Die Schwächen des Abends lagen woanders.
Nutini machten in jungen Jahren bereits auf sich aufmerksam
Bereits in sehr jungen Jahren machte Nutini mit seinem 2006er-Debüt "These Streets" recht nachhaltig auf sich aufmerksam. Da wunderten sich nicht wenige über das eigenwillige, routinierte Timbre in seiner Stimme, das auch bei doch sehr poppig geratenen Stücken immer wieder Türen in tiefere Gefühlsetagen öffnete, die Musik dieser Art eigentlich oft verschlossen bleiben. Indierock-Fans wurden so nicht ganz vergrault, das Interesse von Soul-Langzeithörern geweckt und Menschen, die auf der Suche nach etwas anders klingenden Künstlern im Formatradio waren, fanden einen Anknüpfungspunkt. Drei Jahre dauerte es dann aber bis zum nächsten ("Sunny Side Up") und weitere fünf Jahre bis zum übernächsten Album namens "Caustic Love".
Schnellschüsse liegen dem im
schottischen Paisley geborenen Kind aus einer italienischstämmigen
Familie also verbriefterweise nicht - im schnelllebigen Musikgeschäft
eigentlich eine Art Todesurteil. Bei Nutini scheint das dem Erfolg aber
kaum Abbruch zu tun, wie sich am dicht gepackten Gasometer ablesen ließ.
Dazu mag auch beigetragen haben, dass er auf seinem aktuellen Album
"Last Night in the Bittersweet" eher nur punktuell von der bisherigen
musikalischen Formel - einem Best-of aus Soul, Rock, Country, Folk und
mehr oder weniger verwandten Genres - abwich.
Paolo Nutini trat im Wiener Gasometer auf
Gerade einmal ein
paar heutzutage äußerst zeitgeistige 1980er-Jahre Einsprengsel und
Klangcollagen hat Nutini dem letzten Release hinzugefügt. Genau dort
startete auch das vom neuen Album dominierte Liveset - und kam klanglich
doch sehr ausbaufähig daher. Da half es auch wenig, wenn der Frontmann
einen Gutteil des Openers "Afterneath" ins rote Telefon - inklusive
entsprechendem Effekt - röhrte. Beim sich mit der Zeit auftürmenden
"Lose It" kamen einander Stimme und Gitarre ob ihrer ähnlichen
Frequenzen doch recht arg ins Gehege.
Nach ein paar Versuchen und
sichtbaren Problemen mit großen Teilen der Videowall hinter den Musikern
wurde selbige abgeschaltet. Das eine oder andere Visual hätte den
folgenden Songs in eher stampfenden Versionen vielleicht gutgetan. So
blieb der erste Teil des mit Zugaben knapp zweistündigen Sets trotz
hohem Einsatz aller Beteiligten eher mau.
Publikum im Wiener Gasometer zeigte sich dankbar
Mit dem balladesken
"Through the Echoes" schwenkte Nutini dann in ruhigeres Fahrwasser ein.
Das tat gut und zeigte einmal mehr, dass der Mann stimmlich über jeden
Zweifel erhaben - ja sogar mit einer erhabenen Stimme gesegnet ist. Je
länger der Abend dauerte, umso klarer wurde, dass die Kraft der Songs
tendenziell abnimmt, je weiter sie von Nutini als Persönlichkeit und
Emotionstransporteur weggerückt werden. Das tut der notorische
Liedumbauer und Umarrangeur zwar sehr bewusst, aber nicht immer mit
Erfolg.
Wurden die älteren Songs in neuem Gewand erkannt, zeigte
sich das merklich dankbare Publikum beim Livecomeback nach vielen Jahren
umso dankbarer. Gut erkennbar, dafür aber betont lieblos vorgetragen
kam etwa "New Shoes" vom Debütalbum daher. Warum sich mit "Petrified in
Love" das eindimensionalste Stück vom neuen Album im Liveset fand,
erschloss sich im Gasometer nicht wirklich. Auch "Cherry Blossom"
entpuppte sich nicht unbedingt als Idealbesetzung zum Auftakt des
Zugabenteils.
Den drehten Nutini und seine sechs Mitmusiker mit dem kämpferisch-epischen "Iron Sky" jedoch sogleich klar ins Positive. In die dieselbe Kerbe schlug man mit dem eingängigen "Shine a Light". Doch auch da konnte man sich einen recht deplatziert wirkenden Ausflug, der etwas unmotiviert nach dem 1990er-Jahre Elektronikduo Underworld klang, nicht verkneifen. So blieb es bei einem soliden Konzertabend, der aber nur stellenweise wirklich begeistern konnte.