"Wenn es einen Morgen gäbe": So heißt der Untertitel einer Ausstellung zur Science Fiction im Weltmuseum Wien, welche ab Donnerstag, 30 März 2023, eröffnet.
"Gesegnet und verdammt ist diese Erde / Von Schönheit hell umflammt ist diese Erde / Und ihre Zukunft ist herrlich und groß!", heißt es in Jura Soyfers 1936 geschriebenem "Lied von der Erde". Das ist seit geraumer Zeit aufgrund multipler Krisen nicht mehr so sicher. Ab 30. März öffnet im Weltmuseum Wien eine .
Weltmuseum Wien zeigt alternative Science-Fiction-Schau
Es ist eine ungewöhnliche, aber eines ethnografischen Museums überaus würdige Ausstellung. "Wir in Europa sind nicht die einzigen Menschen, die sich überlegt haben, wie es weitergehen soll", führte Direktor Jonathan Fine bei der Pressekonferenz am Dienstag in die größte Weltmuseum-Sonderausstellung des Jahres ein. "KünstlerInnen aus der ganzen Welt haben das Werkzeug von Science-Fiction aufgegriffen, um sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Es ist eine Einladung, sich eine Zukunft vorzustellen, die nicht nur dystopisch ist, sondern generativ und verändernd."
24 Künstler bespielen zum Thema Science Fiction sechs Räume
24 Künstler und Künstlerinnen bespielen sechs
Räume. "Jeder Raum hat ein eigenes Thema, eine eigene These." Es seien
"zum Nachdenken anregende Werke", die man bewusst zunächst ohne große
Informationen auf die Besucher wirken lassen wolle. QR-Codes ermöglichen
das Aufrufen dazugehöriger Künstlerstatements. "Wir sind dabei ein
bisschen Richtung Kunstausstellung gegangen."
Filmarchitekt KAWA präsentiert das Thema Weltraum
Gleich mehrfach
begegnet man in der von den Science-Fiction-Filmarchitekten KAWA
(aktueller Film: "Rubikon") designten Schau dem Thema Weltraum -
zunächst als kulturelle Aneignung indigener Traditionen durch Hollywood
und "Star Wars", danach durch die Weiterverarbeitung dieser
Popkultur-Einschreibung in "Functivismus"-Performances (von
"Fun-Activism") von Rory Wakemup, von denen eindrucksvolle Figurinen zu
sehen sind. Raumfahrt müsse aber nicht unbedingt als Eroberung oder
Kolonisierung des Weltraums, sondern könne auch als soziales Experiment
verstanden werden, hieß es. So begegnet man dem ersten syrischen
Kosmonauten, der heute als Geflüchteter in Istanbul lebt, oder der
folkloristisch anmutenden Installation "Autonomous InterGalactic Space
Program" von Rigo 23 aus Mexiko.
Westliche Science-Fiction erzählt Zukunft als Technologie-Fortschritt
"Gerade die westliche
Science-Fiction erzählt die Zukunft als Technologie-Fortschreibung und
damit auch als Fortschreibung von kolonialen Ambitionen", sagte
Kuratorin Ute Marxreiter, die sich als Fan alternativer Science-Fiction
und des Afrofuturismus outete. Die Ausstellung widme sich "Stimmen
derer, die in diesen Erzählungen ausgeschlossen sind". Ob man das von
Ekow Nimako aus 100.000 schwarzen Legosteinen zusammengesetzte Modell
einer afrikanischen Zukunftsstadt ("Kumbi Salah 3020 CE") nun als
Hoffnung oder Warnung auffassen soll, bleibt jedem selbst überlassen.
Aufgabe ethnologischer Museen war in die Vergangenheit gerichtet
Kurator
Tobias Mörike erinnerte daran, dass die Aufgabe ethnologischer Museen
ursprünglich in die Vergangenheit gerichtet waren: "Für mich war es
spannend, die übliche Sichtweise umzudrehen." Seine Kollegin Claudia
Augustat erweiterte die Perspektive noch einmal: "Im Augenblick hat man
den Eindruck, dass man auf eine Apokalypse zusteuert. Dabei wird
vergessen, dass es Menschen gibt, die die Apokalypse schon erlebt
haben." Wiederholt seien bereits Zivilisationen ausgelöscht worden.
"Wenn wir dabei nicht nur die Menschen im Blick haben, sondern auch
Pflanzen, Wälder, Tiere, Flüsse, sind wir bei indigenen Sichtweisen."
Und nicht nur diese finden sich in der Ausstellung mehrfach - etwa in
den hoch interessanten Arbeiten, die Wilfred Ukpong in vielen Workshops
mit Jugendlichen im Nigerdelta entwickelte. In seinen Videos
"Future-World-Exv" verbindet sich exemplarisch Kolonialismuskritik,
Science-Fiction und Afrofuturismus.
Selbstzerstörung des Menschen nicht ident mit dem Ende der Welt
Die Selbstzerstörung des
Menschen ist nicht ident mit dem Untergang der Welt. Die Biokünstlerin
Fara Peluso rückt im Verein mit einem Klangkünstler und einer
Wissenschafterin der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko in
ihrer Installation "Tecuitlatl" Algen und die Veränderungen ihrer
Lebensumstände durch den Menschen ins Zentrum. Alleine um diese
Installation zu verstehen, braucht es mehr Zeit als einen kurzen
Ausstellungsrundgang. Aber so geht es den Menschen ja meist, wenn sie
sich mit den Konsequenzen ihres Handelns beschäftigen sollen: keine
Zeit! Im Weltmuseum sollte man sie sich nehmen. Nicht unbedingt, weil
die hier auch gezeigten alternativen Vorschläge zur Heilung so
erfolgversprechend wären. Sondern weil man wohl nicht so bald so viele
verschiedene nicht-europäische Zukunftserzählungen auf einem Raum
begegnen wird.
Die Eroberung des Weltraums als Abenteuer
Die Eroberung des Weltraums als Abenteuer und
technologische Herausforderung wäre heute abgelöst durch eine
Fluchtbewegung ins All, der "Suche nach einem Planeten B", sagte
Augustat. Ins All führt auch die Installation SpaceMosque, mit der ab
21. April die Ausstellung im Theseustempel im Volksgarten ergänzt wird:
Dort greift der pakistanisch-amerikanische Künstler Saks Afridi die
Frage auf: Was wäre, wenn alle unsere Gebete erhört werden?
"Science Fiction(s). Wenn es ein Morgen gäbe", Ausstellung im Weltmuseum Wien, Heldenplatz, 30. März 2023 bis 9. Jänner 2024, täglich außer Mittwoch 10 bis 18 Uhr, Dienstag 10 bis 21 Uhr, Katalog deutsch/englisch: 112 Seiten, 25 Euro;