Rund um den Missbrauchsfall um einen Sportlehrer an einer Wiener Mittelschule, der mindestens 40 unmündige Buben missbraucht haben dürfte, werfen die Aussagen zweier ehemaliger Schüler Fragen auf.
Die Aussagen zwei Jugendlicher, die der Pädagoge bis zuletzt als Klassenvorstand unterrichtet hatte, werfen Fragen in Richtung der Schulleitung und der Bildungsdirektion auf, sie sind auch bereits in den Bericht der von dieser eingesetzten Untersuchungskommission eingeflossen.
Aussagen von Ex-Schülern zu
Missbrauch an Wiener Schule
Die Jugendlichen schildern übereinstimmend, dass sie, aber auch ihre Eltern über die Hintergründe des Selbstmords und die Vorwürfe gegen den Verstorbenen - ein Schüler hatte den Lehrer im April 2019 wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt - bis in den Herbst 2019 hinein weitgehend im Unklaren gelassen wurden.
Direktor soll Schüler als "Arschlochklasse" beschimpft haben
Ihnen zufolge herrschten in der Klasse, die sich aufgrund des Selbstmords ihres Klassenvorstands in Aufruhr befand, in den Wochen nach dem Suizid - was den schulischen Betrieb betrifft - fragwürdige Zustände. So soll der Direktor den Schülerinnen und Schülern gegenüber aggressiv geworden sein, sie wiederholt beschimpft und - behauptet zumindest eine frühere Schülerin - sogar "Arschlochklasse" genannt haben: "Er hat uns beleidigt und angeschrien, dass aus uns nichts werden wird, außer Arbeitslose. Es gab auch ein Mädchen, das ist seinetwegen so richtig abgestürzt. Da war es so, dass sie einmal nicht in der Schule war. Und da ist er zu uns gekommen in die Klasse in ihrer Abwesenheit und hat gemeint, wenn ihr nicht so werden wollt wie sie, dann macht endlich was aus eurem Leben, außer ihr wollt wie sie im Park sitzen und euch mit Afghanen betrinken."
Direktor habe Schülerinnen verbal "fertig gemacht"
Laut dieser Ex-Schülerin habe der Direktor - er leitet nach wie vor die betreffende Schule - bei anderer Gelegenheit "einige von uns vor der ganzen Klasse fertig gemacht, so dass eine Klassenkollegin geweint hat".
Mögliche erneute Befragung des Direktors der Wiener Schule
"Der
aktuelle Direktor wurde mehrfach von der zuständigen
Dienstrechtsjuristin befragt. Es konnten in diesen Gesprächen keine
schwerwiegenden Verfehlungen der Schulleitung oder anderer Lehrpersonen
festgestellt werden, die zu dienstrechtlichen Konsequenzen führen
können", stellte dazu die Bildungsdirektion am Montag auf
APA-Anfrage fest. In einer der APA übermittelten Stellungnahme hieß es,
die zuständige Dienstrechtsjuristin werde den Sachverhalt überprüfen:
"Falls es sich um neue Vorwürfe handelt, wird sie eine neuerliche
Befragung durchführen".
Die Bildungsdirektion ersuchte die Ex-Schülerinnen
in diesem Zusammenhang explizit, sich mit ihren Wahrnehmungen im Sinne
der Aufklärung auch an die Bildungsdirektion zu wenden. Es werde "allen
Beschwerden nachgegangen, wenn dazu die notwendigen Informationen
übermittelt werden. Die Bildungsdirektion für Wien nimmt Vorwürfe über sexualisierte Gewalt sehr ernst und setzt alles daran, an der lückenlosen Aufklärung mitzuwirken".
Klasse soll nach dem Suizid des Lehrers vernachlässigt worden sein
Der einen Ex-Schülerin
zufolge soll die Klasse nach dem Suizid ihres Lehrers auch in
schulisch-pädagogischer Hinsicht vernachlässigt worden sein: "Es gab
einfach keinen wirklichen Unterricht mehr, ständig kamen andere Lehrer,
die haben uns aber nie richtig unterrichtet, es gab immer nur Streit und
Schreiereien.". Die von der Bildungsdirektion entsandten Psychologen
hätten der Klasse vermittelt, "nicht unterrichtbar" zu sein. Diese
Schilderung bestätigt eine zweite ehemalige Schülerin.
Nach dem Tod des Klassenvorstands "wurden wir im Grunde nicht mehr
unterrichtet. Es gab nur mehr Diskussionen, dass wir uns nicht benehmen
können usw. Zusammenfassend war es so, dass wir in der Schulzeit keinen
Stoff gemacht haben, sondern uns wurde einfach gesagt, dass wir selbst
das und das lernen sollen, und bei Tests und Schularbeiten wurde es
trotzdem gefragt. Viele von uns haben dann schlechte Noten bekommen und
hätten eigentlich die Klasse wiederholen müssen, aber darum hat sich der
Direktor gekümmert, nämlich in dem Sinne, dass aus unserer Klasse
niemand sitzen geblieben ist, sondern alle die Schule abgeschlossen haben. Das war aber, weil der Direktor uns weghaben wollte".
Direktor soll laut Schülern Täter-Opfer-Umkehr betrieben haben
Folgt
man den Ausführungen der beiden Jugendlichen, soll der Schuldirektor
hinsichtlich des Lehrer-Selbstmords und aufkommender Gerüchte über die
möglichen Hintergründe nachgerade eine Täter-Opfer-Umkehr betrieben
haben. Der Direktor habe "uns angeschrien, dass wir nicht so viel
darüber nachdenken und reden sollen, vor allem nicht in der Schule.
Uns wurde insgesamt vermittelt, dass wir nicht darüber reden sollen,
vor allem auch nicht mit anderen Schülern aus anderen Klassen", heißt es
in der einen Aussage. In der großen Pause durfte die Klasse angeblich
gar nicht mehr die Klassenräumlichkeit verlassen. In der anderen Aussage
wird beschrieben, der Direktor hätte so gewirkt, "als würde er uns
dafür bestrafen, was er (der verstorbene Klassenvorstand, Anm.) getan
hat (offenbar gemeint: sich das Leben genommen)".
Beschwerden über Schulleiter an die Bildungsdirektion weitergeleitet
Über die
Zustände in der Klasse wurden den Aussagen der zwei Jugendlichen zufolge
von Elternseite Beschwerden an den Schulleiter, aber auch an die
Bildungsdirektion heran getragen. Der Direktor habe einer Mutter
erklärt, "dass er nichts sagen darf, dass er einen Maulkorb bekommen hat
von der Bildungsdirektion". Diese Mutter soll sich im übrigen bereits
vor den Sommerferien 2019 bei der Bildungsdirektion über den Umgangston
des Direktors gegenüber den Schülerinnen und Schülern beschwert haben. Aber diese und alle anderen Beschwerden hätten "nichts gebracht", beschreibt die Ex-Schülerin.
Klasse wurde erst nach Schulbeginn im Herbst 2019 informiert
Eingehender
informiert wurden die Klasse und die Eltern demnach erst nach
Schulbeginn im Herbst 2019, als eines Tages der Schuldirektor und
Psychologen der Klasse erklärten, dass ihr Klassenvorstand "nicht so ein
guter Mensch war, wie wir geglaubt haben. Sie haben uns erzählt, dass
er Kinderpornografie hergestellt hat, und sie haben angedeutet, dass er
Kinder missbraucht hat", wie sich eine frühere Schülerin
erinnert. Laut Bildungsdirektion war das der Kenntnisstand zum
damaligen Zeitpunkt und die Information, die die Bildungsdirektion
seitens der Staatsanwaltschaft Wien bekommen hat.
Klasse wurde gruppenweise zu einer Psychologin gebracht
Noch
am selben Tag und in den folgenden Wochen wurde die Klasse dann
gruppenweise zu einer Psychologin gebracht, "die uns aber nicht gefragt
hat, wie es uns geht". Die Psychologin habe nur in Erfahrung bringen
wollen, ob die Schülerinnen und Schüler etwas über die Straftaten des toten Lehrers wüssten.
Schulstandort werde auch aktuell durch Schulpsyhcologie unterstütz
"Die Schulpsychologie bietet Beratung und Unterstützung und fordert niemals dazu auf,
etwas zu verschweigen", hielt dem die Bildungsdirektion entgegen.
Strafbare Handlungen seien immer an Polizei oder Staatsanwaltschaft
sowie von Schulleitungen an die Bildungsdirektion zu melden, wurde dazu
am Montag bekräftigt. Auch aktuell werde am Schulstandort durch die
Schulpsychologie Unterstützung angeboten. "Die Bildungsdirektion für Wien
wird die Abteilung psychosoziale Unterstützung und schulärztlicher
Dienst, Bildungs- und Berufsberatung des BMBFW in die Aufklärung zu den
Vorwürfen gegen die Schulpsychologie einbinden", kündigte die
Bildungsdirektion überdies an.
Eltern der Schüler wurden im Herbst 2019 zu Elternabend geladen
Die Eltern der Schülerinnen
und Schüler wurden im Herbst 2019 zu einem Elternabend eingeladen, bei
dem neben dem Direktor ein Vertreter der Bildungsdirektion und ein
Experte für sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche anwesend
waren. Stimmt das, was eine Jugendliche dazu schriftlich festgehalten
hat, wäre dabei nicht korrekt informiert worden: "Es wurde gesagt, dass
in der Schule nichts passiert ist und uns Kindern nichts passiert ist." Allerdings war der Direktor schon Ende Mai vom Wiener
Landeskriminalamt informiert worden, dass eine Missbrauchsanzeige eines
Schülers gegen den Sportlehrer vorlag, und die Bildungsdirektion erfuhr
davon - wohl zeitnahe - auch.
Eltern sei empfohlen worden, die Kinder nicht mit Fragen zu löchern
Außerdem habe man den Eltern am Elternabend empfohlen, "sie sollen uns Kinder nicht mit Fragen löchern", schildert die ehemalige Schülerin. Und weiter: "Es waren nach diesem Elternabend so viele Fragen offen, aber es passierte nichts. Es waren dann auch viele bei der Bildungsdirektion, um sich zu beschweren".
Kindern wurde verboten mit Journalisten zu reden
Laut den Angaben jener früheren Schülerin
wären einige Eltern damals durchaus bereit gewesen, mit dem Fall an die
Öffentlichkeit zu gehen. Dazu sei es aber nicht gekommen. Es habe
nämlich "auch Verbote, mit Journalisten zu reden" gegeben: "Da wurde
dann uns Kindern gesagt, wenn ein Journalist zur Schule kommt, darf man nicht mit dem reden."
Bildungsdirektion weist diese Darstellung zurück
Diese
Darstellung weist die Bildungsdirektion zurück: "Eltern wurden dazu
aufgefordert, mit den Kindern darüber zu sprechen, mit dem Hinweis, dies
sehr sensibel zu tun. Weder seitens der Schulpsychologie noch seitens
der Bildungsdirektion wurden Pädagoginnen und Pädagogen oder Eltern bzw.
Erziehungsberechtigte dazu aufgefordert, etwas zu verschweigen."
Schüler sollen sich bei schulischen Werdegang schwer getan haben
Aus den Darstellungen der zwei Jugendlichen ergibt sich, dass sie, aber auch andere Klassenkolleginnen und -kollegen sich in ihrem weiteren schulischen Werdegang schwer taten oder sogar die Schule abbrachen. Eine der beiden hält in ihrer Aussage abschließend fest, sie sei zwar "kein körperliches Opfer", habe aber "psychische Schäden davongetragen". Sie hätte sich von der Schule, der Bildungsdirektion "oder sonst jemandem erhofft, Hilfe zu erhalten, vor allem in der Form von Psychotherapie (Einzeltherapie). Auf mich ist diesbezüglich nie jemand zugekommen. Ich kann mir selbst Therapie derzeit nicht leisten."
Entschädigung: Finanzprokuratur habe alle Unterlagen erhalten
Was das Thema Entschädigung betrifft, hat laut Bildungsdirektion die Finanzprokuratur bereits in der vergangenen Woche alle Unterlagen der Bildungsdirektion erhalten. Im Bericht der Untersuchungskommission seien rechtliche Änderungen im Entschädigungsrecht angesprochen, "diese können nur durch gesetzliche Anpassungen des Bundes erfolgen", hieß es gegenüber der APA. Die Opfer seien vom Landeskriminalamt über ihre Rechte als Opfer aufgeklärt worden: "Sie haben nach derzeitiger Rechtslage die Möglichkeit, eine Sozialentschädigung für Verbrechensopfer bei der Landesstelle des Sozialministeriumservice zu beantragen. Wenn jemand Opfer eines Verbrechens geworden ist, hat die Polizei die Pflicht auf die Opferrechte und die Opferschutzeinrichtungen hinzuweisen."
Beratungsstellen bei sexueller Gewalt und Missbrauch
- für sexuell missbrauchte Mädchen und junge Frauen, 1050 Wien Ziegelofengasse 33/2 Tel.: 01 / 587 10 89.
- Kinderschutzzentrum für physisch, psychisch oder sexuell misshandelte Kinder, 1010 Wien, Börsegasse 9 Tel.: 01 / 532 15 15 Helpline: 0800 80 80 88.
- - Psychosoziale und juristische Begleitung bei sexuellem Missbrauch und Misshandlung an Mädchen, Buben und Jugendlichen.
- Opfernotruf Tel:: 0800 112 112
- , Gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen, Vorbeugung - Beratung - Verdachtsbegleitung, 1160 Wien, Thaliastraße 2/2A Tel:: 01 / 810 90 31.
- Beratungsstelle für misshandelte und sexuell missbrauchte Frauen, Mädchen und Kinder, 1200 Wien, Wexstraße 22/3/1 Tel.: 01 / 334 04 37.