Am Montag ist in Wien der Prozess gegen den ehemaligen Grün-Politiker Christoph Chorherr sowie weitere neun Angeklagte fortgesetzt worden. Chorherr bekannte sich nicht schuldig.
Nach den letzten Eröffnungsplädoyers begann die Befragung des früheren Rathaus-Mandatars in Wien. Er hat sich zum Auftakt seiner Befragung wie angekündigt "nicht schuldig" bekannt. Der Verbleib in dem von ihm initiierten gemeinnützigen Verein S2Arch sieht er aber als Fehler, wie er betonte.
Chorherr bekannte sich nicht schuldig
Chorherr wird zur Last gelegt,
von namhaften Immobilienunternehmen Zahlungen für den Verein gefordert
bzw. angenommen zu haben. Dieser unterstützt Hilfsprojekte in Afrika.
Die Spender sollen sich im Gegenzug Vorteile bei Widmungsverfahren
versprochen haben. Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft
(WKStA) wirft Chorherr Amtsmissbrauch und Bestechlichkeit, den
Unternehmern Bestimmung zum Amtsmissbrauch und Bestechung in
unterschiedlichen Beteiligungsformen vor.
Verteidiger wies Vorwürfe zurück
Zu den Mitangeklagten
gehören unter anderem der Investor Rene Benko, der Industrielle Michael
Tojner und die Immobilienentwickler Erwin Soravia und Günter Kerbler.
Beim Prozessauftakt am vergangenen Dienstag waren die ersten
Eröffnungsplädoyers auf dem Programm gestanden. Dabei hatten die
Verteidiger der Beteiligten die Vorwürfe allesamt zurückgewiesen.
Die
Plädoyers wurden heute zunächst mit den Vorträgen von Vertretern
verschiedener Unternehmen fortgesetzt, die laut WKStA in der Causa
involviert sind. Denn die Staatsanwaltschaft hat auch gegen insgesamt 21
Verbände, also etwa Projektgesellschaften, die Verhängung einer
Geldbuße nach dem Verbandsverantwortlichkeitsgesetz beantragt.
Chorherr schilderte Beginn seines Engagements in Südafrika
Chorherr
schilderte in seinem Vortrag dann zunächst den Beginn seines
Engagements in Südafrika. Er habe Mitte der 1990er-Jahre beschlossen,
angesichts des Endes des Apartheid-Regimes vor Ort tätig zu werden. Der
Wunsch sei gewesen, dort für Bildung zu sorgen. Er sei zum damaligen
Bürgermeister Helmut Zilk (SPÖ) "gestürmt": "In der Hoffnung, er ist so
ein Sponti wie ich." Dies scheint der Fall gewesen zu sein: Laut
Chorherr hat ihn Zilk gebeten, runterzufahren und zu schauen, was man
tun könne.
Collgee in Johannesburg soll errichtet worden sein
Mit Mitteln der Stadt sei ein College - das Masibambane
College in Johannesburg - errichtet worden, das bis heute bestehe. Er
sei vom Bürgermeister auch gebeten worden, regelmäßig das Projekt zu
besuchen und den Mitteleinsatz zu überprüfen. Chorherr zeigte dem
Schöffensenat Bilder der Schule in Johannesburg. Die Initiative sei mit
europäischen Partnern wie etwa Universitäten umgesetzt worden,
erläuterte er.
Chorherr verwies auf neues Vorhaben
Der Ex-Politiker verwies auch auf ein späteres,
neues Vorhaben, das der nun ebenfalls auf der Anklagebank sitzende
Unternehmer Wilhelm Hemetsberger finanziell unterstützt habe. Die
größten Spenden würden bis heute von ihm kommen. "Und er hat nichts mit
Immobilien zu tun", hob Chorherr hervor. Hemetsberger habe sogar sein
Unternehmen nach dem Projekt, nämlich Ithuba, benannt.
Laut Chorherr kein Zusammenhang mit dem Regierungseintritt der Grünen
Mit dem
damals zum selben Zeitpunkt stattfindenden Regierungseintritt der Grünen
habe das alles nichts zu tun, beteuerte Chorherr. Die Spenden seien
angestiegen, weil sich Hemetsberger engagiert habe. "Jetzt gibt es diese
beiden Schulen", hob Chorherr hervor. Er sei stolz darauf, es sei etwas
Tolles realisiert worden. Geheim sei daran jedenfalls nichts gewesen.
Alle Mitarbeiter der MA 21 seien "akribisch" befragt worden
2010
sei Maria Vassilakou grüne Planungsstadträtin geworden. Er selbst war
Gemeinderat und Planungssprecher. "Ich habe überhaupt nicht formal
Einfluss nehmen können", schwor Chorherr. Alle Mitarbeiter der
Planungsabteilung MA 21 seien "akribisch" befragt worden. Diese hätten
versichert, dass alles ordnungsgemäß abgelaufen sei. Niemand habe
angegeben, dass er irgendwann etwa bei Widmungen interveniert habe.
Chorherr zog sich erst 2018 zurück
In
"Lichtgeschwindigkeit" hätte es das ganze Rathaus gewusst, wenn er dies
getan hätte. "Ich habe mich nicht einmal nicht sachgemäß verhalten."
Jedoch: Er habe trotzdem nicht alles richtig gemacht, befand er. Er
hätte den Vereinsobmann zurücklegen müssen. Dies nicht zu tun, sei ein
Fehler gewesen. Er habe unterschätzt, aus Naivität und aus Begeisterung
für das Projekt, dass das eine "schiefe Optik" ergebe. Es gehe nicht nur
darum, ob man korrekt handle, es gehe auch um den Anschein. Chorherr
zog sich erst 2018 zurück.
Chorherr habe niemals Vassilakou ersetzen können
"Das tut mir jetzt wirklich leid", beteuerte Chorherr. Er habe jedenfalls niemals Vassilakou als Organ ersetzen können. Er habe mit Bauträgern über Stadtplanung gesprochen - etwa beim umstrittenen Heumarkt-Projekt. Dabei sei es aber immer um die Sache, also das Bauvorhaben und den öffentlichen Raum, gegangen. Er habe auch Beschlüsse initiiert, die diametral gegen die Interessen der Firmen gewesen seien, gab Chorherr zu bedenken. Er erwähnte hier die Verpflichtung zur Errichtung einer gewissen Anzahl von leistbaren Wohnungen bei größeren Projekten.
Alle betreffenden, in der Anklage angeführten Widmungen wären ohne Spenden jedenfalls genau so erfolgt, hielt er fest. Sein politisches Handeln sei nicht beeinflusst gewesen. Es habe aber auch kein Spender dies verlangt. Begünstigt habe er nur jene 500 Kinder, die heute noch diese Schulen besuchen, versicherte Chorherr.
Chorherr legte Widmungsverfahren dar
Auf Ersuchen von Richter Michael Tolstiuk
legte Chorherr ausführlich dar, wie Widmungsverfahren im Rathaus
ablaufen. Sie würden vom zuständigen Stadtrat bzw. der Stadträtin dem
Gemeinderat zur Beschlussfassung vorgelegt. Meist würden die Verfahren
federführend von den Beamten abgewickelt. Umstrittene Projekte werden
laut dem Angeklagten aber auch auf höchster Ebene verhandelt. In
besonderen Fällen hätten zu seiner Zeit die Planungsstadträtin
Vassilakou und SPÖ-Bürgermeister Michael Häupl eine Entscheidung
getroffen.
Ob Vassilakou auch mit Chorherr als Planungssprecher in
der Grünen Fraktion Rücksprache gehalten habe, wollte der Richter
wissen. "In heiklen Fällen ja", antwortete Chorherr. Viel abstimmen habe
man aber selten müssen, da grüne Stadtplanung "durschaubar" sei, wie er
ausführte. Man forciere alternative Energieformen, setze sich für
Radverkehr und für sozialen Wohnbau ein.
Chorherr bezeichnete Geschehnisse um Tojners Heumarkt-Projekt als Sonderfall
Als "Sonderfall"
bezeichnete er die Geschehnisse rund um Tojners Heumarkt-Projekt. Damals
stimmte 2017 nicht die gesamte grüne Fraktion für die Widmung.
Vassilakou habe sich trotzdem entschieden, das Projekt in den
Gemeinderat zu bringen. "Ich meine richtig", sagte Chorherr. Denn es sei
der Vorlage ein ordnungsgemäßes Widmungsverfahren vorausgegangen, gab
er zu bedenken. Außerdem hätte das Ende der rot-grünen Koalition
gedroht, wenn die Grünen sich generell entschieden hätten, das Vorhaben
nicht mitzutragen.
Chorherr wolle von der ersten Spende nichts gewusst haben
Zugleich beteuerte Chorherr, dass er zumindest von der ersten Spende Tojners - getätigt im Zuge einer Benefiz-Versteigerung - nichts gewusst habe. Über das Projekt habe er mit Tojner gesprochen, wie er eben auch mit anderen Bauwerbern über Vorhaben gesprochen habe, um sich zu informieren.
Hätte er das Projekt aufgrund von finanziellen Zuwendungen vorangetrieben, hätte er die gesamt Stadtregierung manipulieren müssen, gab er zu bedenken: "Wegen 5.000 Euro? Hallo?" Auch der Umstand, dass bei einem Geburtstagsfest für den mitangeklagten Unternehmer Erwin Soravia für den Verein gespendet werden konnte, sei nicht mit ihm, Chorherr, abgesprochen gewesen, schwor der Ex-Mandatar, der sich inzwischen aus der Politik zurückgezogen hat und als Bäcker arbeitet.
Chorherr wolle keinen Kontakt zu Benko gehabt haben
Keinen Kontakt hatte Chorherr laut eigenen Angaben zur damaligen Zeit mit Rene Benko. Dieser bzw. die Signa habe 100.000 Euro gespendet, wobei hier der Kontakt über Hemetsberger gelaufen sei. Chorherr hat sich, wie er betonte, nicht einmal für die Zuwendung bedankt. "Heute bin ich froh, dass nichts geschrieben habe." Der Prozess wird am Freitag mit der weitere Befragung Chorherrs fortgesetzt.