Ohne zusätzlichen Energieeinsatz mit eigenen Mitteln effizient kühlen: Das kann das Wiener Burgtheater seit seiner Errichtung 1874 bis 1888.
Das Burgtheater verfügt über eine Luftbrunnen seit seiner Errichtung 1874 bis 1888 durch Gottfried Semper und Karl von Hasenauer. "Das Burgtheater ist immer schon das energieeffizienteste Gebäude der Bundestheater gewesen", sagt Markus Goldsteiner. Er ist seit 2015 für das Energiemanagement der Bundestheater zuständig.
Wie das Wiener Burgtheater einst effizient gekühlt wurde
"Dass Energie ein großes Thema werden wird, war klar. Welche Dimension das aber in so kurzer Zeit annehmen kann, hat mich schon überrascht", gibt Goldsteiner zu. Viel sei schon geschehen, doch "in der Optimierung der Technik in Bestandsbauten ist noch viel Potenzial". In einem eigenen Forschungsprojekt hat Friedrich Idam, Sachverständiger für Denkmalpflege und Bauphysik für historische Baukonstruktionen, UNESCO-Berater und langjähriger HTL-Professor in Hallstatt, gemeinsam mit Goldsteiner, Günther Kain und Alfons Huber die Luftbrunnenanlage des Burgtheaters als ein Referenzmodell für nachhaltige Klimatisierungsstrategien untersucht. "Diese Anlage war damals mehr als state of the art", schwärmt Idam. "Bautechnisch war das späte 19. Jahrhundert eine der Blütephasen der europäischen Architektur."
Wissen über effiziente Gebäudekühlung aus dem Barock
Bereits seit dem Barock sei viel Wissen über effiziente Gebäudekühlung aus dem persischen und arabischen Raum nach Europa gelangt, der von Semper und Hasenauer beigezogene Carl Böhm, eigentlich Militärchirurg und Autorität auf dem Gebiet der auf Frischluftzufuhr setzenden "Gesundheitstechnik", sei einer der innovativsten Haustechniker seiner Zeit gewesen, so Idam. Die im Volksgarten angesaugte Luft gelangte in das dritte Kellergeschoß, wurde dort gereinigt und gekühlt und stieg durch den Zuschauerraum im Wiener Burgtheater in die Höhe, wo ein Abluftschacht von sechs Meter Durchmesser in eine künstlerisch gestaltete Dach-Öffnung, den selbstregulierend als Windfahne funktionierenden "Blasengel", führt. "Das funktioniert seit 1888 - und ist schön noch dazu", meint Idam im Gespräch mit der APA.
Brunnenanlage im Wiener Burgtheater wieder entdeckt
Im Zuge des Projekts wurde nicht nur erstmals in der Geschichte des Hauses durch Anbringung von Sensoren eine genaue Messreihe zu Temperatur und Feuchtigkeit an neuralgischen Punkten des Gebäudes vorgenommen, sondern in den Tiefen des Wiener Burgtheaters auch eine mehrere Meter tiefe und zur Hälfte mit Wasser gefüllte Brunnenanlage wiederentdeckt. Aktuell sei sie ungenutzt, schildert Goldsteiner, man prüfe Verwendungsmöglichkeiten. Für die Dachbesprühung, mit der testweise gerade experimentiert wird, werde jedoch wahrscheinlich das Kondensat der Kältemaschinen genutzt.
Das Kühlungssytem im Burgtheater Wien
Da die Messungen ergeben haben, dass eine Kühlung lediglich um drei Grad möglich ist, hat sich das Burgtheater in Wien nämlich doch zum Einbau einer modernen Klimaanlage entschieden. Idam und sein Team konnten in der - im Februar 2021 in der Zeitschrift "Bauphysik" publizierten - Studie zwar auf viele positive Wirkungen des originalen, nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs durch einige Einbauten adaptierten Kühlungssystems verweisen, aber eben nicht die notwendigen Kühlungseffekte auch zu Spitzentemperatur-Zeiten garantieren. Verantwortlich dafür sind die in den vergangenen Jahrzehnten im Umfeld des Burgtheaters massiv (Goldsteiner: "Um vier bis fünf Grad Kelvin.") gestiegenen sommerlichen Temperaturen. Dabei hat sich das Burgtheater entschieden, die Klimaanlage nur zu Zeiten von Temperaturspitzen in Betrieb zu nehmen. Ziel ist künftig nicht, auf eine dauerhaft garantierte Raumtemperatur herunter zu kühlen, sondern einen Unterschied zur herrschenden Außentemperatur herzustellen, der die ohnehin leichtere Bekleidung des Publikums miteinberechnet.
Dabei werde es mit Sicherheit zu einem
Umdenken kommen müssen, glaubt Goldsteiner: Künftig werde wohl ein
Unterschied zur herrschenden Außentemperatur und nicht eine dauerhaft
garantierte Raumtemperatur als Richtgröße gelten.
System ohne zusätzlichen Energieeinsatz schwierig
"Wir haben
gewusst, das alte System ganz ohne zusätzlichen Energieeinsatz zu
optimieren wird schwierig bis unmöglich", sagt Goldsteiner. "Wir haben
aus dem Projekt aber viele Ideen und Anregungen geholt, die wir nun
weiter prüfen." Neben der Dachbefeuchtung werden etwa
Fenster-Abschattungssysteme erprobt, die den Energieeintrag ins Gebäude
reduzieren sollen. Auch nächtliches Lüften steht auf Idams
Empfehlungsliste. Friedrich Idam kann gut damit leben, dass man am
Burgtheater zwar die alte Technik gewürdigt und einbezogen, aber
schließlich doch auch zusätzlich auf die neue gesetzt hat. "Ich bin
dankbar, dass diese Studie möglich war. Es ist uns damit gelungen, ein
Problembewusstsein zu wecken und aufzuzeigen, wo Potenziale sind." Das
gelte nicht nur für Bauherren und Hauseigentümer, sondern auch für die
Bauphysik-Ausbildung, die lange von der Baustoffindustrie bestimmt wurde
und sich nun zunehmend alter Techniken und Erfahrungen besinne.
"Jahrzehnte ist man damit überall abgeblitzt. Ich glaube, dass die
extreme Verteuerung von Energie dazu führen wird, dass in vielen
Bereichen ein Umdenken stattfinden wird. Alleine bei den
Dachboden-Ausbauten kommt eine Lawine auf uns zu. Das Wohnen unterm Dach
wird für viele Leute einfach nicht mehr leistbar werden."
Wiener Burgtheater bezieht Strom aus neuer Fotovoltaikanlage
Im
Burgtheater wird der nötige Strom zum Betrieb der Klimaanlage künftig
zur Gänze aus der neuen Fotovoltaikanlage stammen. Außerdem wird auch
die Abwärme der Kältemaschine genutzt, wodurch zusätzlich Energie
eingespart wird. In diesem Sommer, einem der heißesten der
Messgeschichte, hat sich die neue Klimaanlage während des
ImpulsTanz-Festivals jedenfalls bewährt. "Früher haben wir immer wieder
Beschwerden gehört, dass es zu heiß ist", erinnert sich Goldsteiner.
"Heuer hatten wir keine einzige negative Rückmeldung."