Das Volkskundemuseum Wien untersucht mit der Austellung "Was uns wichtig ist!" Perspektiven auf das Kulturerbe.
Der Umgang mit dem Lueger-Denkmal in Wien, ihrer Funktion beraubte Alltagsgegenstände oder die kulturelle und soziale Bedeutung von Kinos in den Randbezirken von Moskau: Was zum kulturellen Erbe gezählt wird - und was nicht -, damit beschäftigt sich die Ausstellung "Was uns wichtig ist!" im Volkskundemuseum Wien. Die Kuratorinnen Christa Benzer und Sabine Benzer haben dafür 18 zeitgenössische künstlerische Positionen versammelt.
Ausstellung "Was uns wichtig ist!" im Volkskundemuseum Wien
"Im 19. Jahrhundert hatte das Kulturerbe eine immense politische und kulturelle Bedeutung", erläuterte das Kuratorinnen-Duo am Donnerstag im Rahmen einer Pressekonferenz zu der bis zum 30. Oktober laufenden Schau. So wurde Ende des 19. Jahrhunderts auch das Wiener Volkskundemuseum gegründet, "um das zu bewahren, was die Gesellschaft als wichtig erachtet hat". Bei der nunmehrigen Ausstellung beziehen sich Benzer und Benzer auf das "Ungedachte des Kulturerbes" nach Bénédicte Savoy. Auch die deutsche Kulturwissenschafterin Aleida Assmann wird zitiert: "Natürlich sind es die Künstler*innen, die dieses Ungedachte ins Bewusstsein holen."
Wiener Volkskundemuseum: Perspektiven auf Kulturerbe werden untersucht
Im konkreten Fall sind das 18
höchst unterschiedlichen Positionen: Den Anfang macht Klemens Wihlidal,
der den im Jahr 2009 von der Universität für Angewandte Kunst Wien
ausgeschriebenen inoffiziellen Wettbewerb zur Umgestaltung des Karl
Lueger-Denkmals gewonnen hat. Sein - nie realisierter - Entwurf zur
Neigung des Denkmals um 3,5 Grad nach "rechts" sowie die Dokumentation
des "Schande"-Graffitis bilden ein Beispiel für den kontrovers
diskutierten Umgang mit kulturellem Erbe in Wien.
Lecomte beschäftigt sich mit Nationalsozialismus
Auch
Tatiana Lecomte beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit dem
Nationalsozialismus: In "Anschluss" widmet sie sich der
"Auseinandersetzung mit den Anfängen" und dem "Einordnen und Anordnen
von vielfach beladenen und belastenden Bildern", wie sie bei der
Pressekonferenz erläuterte. Ihren Fokus richtet sie dabei auf
historische Fotografien aus Linz und Umgebung, wo 1938 nicht nur der
"Anschluss" besiegelt wurde, sondern wo auch eines der Außenlager des KZ
Mauthausen errichtet wurde. Wie sehr Bilder im Kontext gelesen werden,
verdeutlicht sie, indem sie die Fotos und die dazugehörenden
Bildunterschriften voneinander trennt.
Lecomte: Dinge sind von ihrer Funktion getrennt
Getrennt sind in ihrer
Arbeit "Dinge" auch Objekte von ihrer Funktion: Für die Ausstellung
durchforstete die Künstlerin die Datenbank des Volkskundemuseums
nach Gegenständen, deren Funktion heute nicht mehr gekannt wird, weil
sie für den heutigen Lebensalltag obsolet geworden sind. Passend dazu
gibt sie im Rahmenprogramm zur Schau auch den Workshop mit dem Titel
"Drehhaspel und Schusterkugel. Über das Verschwinden der Dinge".
Videoarbeit "Leninopad" von Jermolaewa im Wiener Volkskundemuseum
"Erschreckende
Aktualität" entwickelt laut den Kuratorinnen die Arbeit von Anna
Jermolaewa, die sich in ihrer Videoarbeit "Leninopad" sowie einer
dazugehörigen gestürzten Lenin-Figur dem 2015 verabschiedeten
ukrainischen Gesetz zur Dekommunisierung widmet: Damals bereiste sie das
heute im Krieg mit Russland befindliche Land, um die Bevölkerung nach
ihrer Meinung zum Denkmalsturz zu befragen. Das Um- und Überschreiben
von kulturellem Erbe ist auch Thema der Arbeit "Reflections on a
Star-Shaped Masque" von Ricarda Denzer, die ein Objekt aus der Hagia
Sophia in Istanbul in den Fokus rückt. Die Messing-Maske dient seit der
Umwandlung der byzantinischen Kirche in eine Moschee dazu, die Gesichter
der christlichen Seraphim-Engel zu bedecken.
Installation "Come again a bit, Freddy" von Lister
Der englischen
Autorin Anne Lister (1791 - 1840) widmet sich schließlich Viktoria
Tremmel in ihrer Installation "Come again a bit, Freddy". Dabei widmet
sich die Künstlerin den lange versteckten Aufzeichnungen der Autorin,
die damals akribisch ihr lesbisches Liebesleben zu Papier brachte. "In
der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts hatte dieses Bild einer Frau
keinen Platz", erläuterte die Künstlerin am Donnerstag. Dies sei auch
der Grund, warum die Schriftstücke nach ihrem Fund durch einen Erben
zunächst vernichtet werden sollten. Auszüge aus den Tagebucheinträgen
präsentiert Tremmel in einer aus Kartonboxen gefertigten Wand, in die
sie auch eigene Zeichnungen integriert hat.
Thema Kulturerbe im Volkskundemuseum Wien
Mit den zahlreichen unterschiedlichen Positionen zu alternativen Sichtweisen auf den Komplex des kulturellen Erbes löst das Kuratorinnen-Duo die vorangestellte theoretische Position ein. "Das Kulturerbe
ist nicht mehr von der Tradition vorgegeben, sondern es muss immer neu
ausgehandelt werden, um möglichst inklusiv und damit identitätsstiftend
zu sein."