Ab Dienstag findet im Hof 1 des Alten AKH in Wien das erste "RECET-Festival der Sozial- und Geschichtswissenschaften". Vier Tage lang wird dabei über verschiedenste "Transformationen der Freiheit" diskutiert.
"Wir müssen realistisch sein: Es ist klar, dass nicht die Massen strömen werden", sagt Jannis Panagiotidis. "Aber nachdem unsere Opening Week vergangenes Jahr nur online stattfinden konnte - wobei wir wirklich ein globales Fachpublikum erreicht haben, von der Westküste der USA bis nach Indien -, wollten wir nach Ende der Corona-Restriktionen uns auch an die Stadt und an die Öffentlichkeit wenden." Raus aus dem Elfenbeinturm und rein unter die Leute - diese Devise gilt zwar auch einmal im Monat bei Vorträgen im "transformativen Salon" im Café Florianihof, doch für das "Research Center for the History of Transformations" (RECET) ist das Festival ein deutlicher Existenzbeweis.
Festival als Start für Wiener Forschungsverbund nach Corona
Das
RECET ist ein selbstständiger Forschungsverbund an der Universität Wien
in Kooperation mit der Wirtschaftsuniversität und dem Wiener Institut
für Internationale Wirtschaftsvergleiche, der sich dem
Wittgenstein-Preis verdankt, der 2019 an den Historiker Philipp Ther,
Professor für Geschichte Ostmitteleuropas an der Universität Wien,
verliehen wurde. Mit 1,5 Mio. Euro der höchst dotierte
Wissenschaftsförderpreis in Österreich, soll das Preisgeld "eine
außergewöhnliche Steigerung der wissenschaftlichen Leistungen" der
Ausgezeichneten ermöglichen, dient also meist der Schaffung neuer Teams
und Strukturen.
Ther baute das RECET aus, dem nun der aus Deutschland stammende 41-jährige Historiker Jannis Panagiotidis als wissenschaftlicher Leiter vorsteht. Drei Stellen sind direkt aus dem Preisgeld finanziert, dazu kommen rund zwei Dutzend über verschiedene Stellen mitfinanzierte Forscherinnen und Forscher, die derzeit am RECET arbeiten. Die großzügig wirkenden Räumlichkeiten in dem an der Alser Straße gelegenen Trakt des Alten AKH wirken jedoch noch fast unbenutzt, die vielen Regale sind noch fast leer. Corona habe auch ihn und seine Mitarbeiter weitgehend ins Homeoffice gezwungen, erklärt Panagiotidis im Gespräch mit der APA. Insofern ist das Festival auch so etwas wie der echte Start für das Institut nach zwei Jahren Warmlaufen.
Diskussionen und Lesungen in Alten AKH in Wien
Der Forschungsgegenstand bezog sich ursprünglich vor allem auf die
Transformationen in Osteuropa nach 1989, wurde jedoch auf China und
Vietnam ausgeweitet, ebenfalls Ländern mit kommunistischer
Vergangenheit. Mit dem Thema "Transformationen der Freiheit"
ist das Themenspektrum nun nicht nur deutlich breiter, sondern auch
unglaublich aktuell. Der Ukraine-Krieg hat dazu geführt, dass schon am
ersten Abend Irina Scherbakowa, Mitbegründerin der in Russland
mittlerweile verbotenen Menschenrechtsorganisation Memorial, "Über (Un-)Freiheit
in Putins Russland" sprechen wird. Bezeichnender Titel des Vortrags:
"Der große Exodus". Am zweiten Tag gibt es eine Lesung und Diskussion
mit ukrainischen und polnischen Literatinnen und den Film "Ukrainian
Sheriffs".
"Dieser Krieg hätte in einer offenen und freien Gesellschaft wohl nicht so geführt werden können", meint Panagiotidis und verweist gleichzeitig auf die seit Jahren gestiegene Unfreiheit in Ost-Mitteleuropa wie in Ungarn oder Polen. "Es ist aber kein Pfad vorgezeichnet. Es gibt immer verschiedene Wege, wie sich etwas entwickeln kann. Es ist auch Aufgabe der Historiker, zu schauen, ob etwas nicht auch anders hätte laufen können." Im Fall der russischen Aggression gegen die Ukraine habe es freilich genügend Leute gegeben, die vor den sich mehrenden Zeichen für eine solche Entwicklung gewarnt hätten - "und 2014 ist mit der Annexion der Krim auf jeden Fall eine andere Qualität erreicht worden".
Beim RECET-Festival wird die Freiheit im digitalen Raum ebenso diskutiert werden wie die Entwicklungen in China, Polen und Ungarn. Panagiotidis selbst nimmt am Schlusstag an einer Diskussion über Freiheit und Migration teil. Bei allen Liberalisierungsbestrebungen sei es - im Gegensatz zur Freiheit der Waren- und Geldströme - auffälliger Weise nie um globale Bewegungsfreiheit gegangen, meint er. Derzeit seien vor allem Kriege Motoren für Migrationsbewegungen, "in dem Maße, in dem bestimmte Regionen künftig durch die Klimaerwärmung nicht mehr bewohnbar werden, wird Migration aber ein noch größeres Thema werden. Auf Dauer wird es nicht reichen, die Mauern immer höher zu bauen - zumal auch die Migration aus Südeuropa immer mehr zunehmen wird."
"Freiheit in Zeiten von Krieg und Klimakrise"
Sein Schlusswort am Freitagnachmittag hat Panagiotidis unter das Thema "Freiheit in Zeiten von Krieg und Klimakrise" gestellt. Wird die Klimakrise ohne staatliche Zwangsmaßnahmen überhaupt bewältigbar sein? Und waren die
nicht schon bei der Pandemiebekämpfung äußerst umstritten? "Nicht jede
staatliche Zwangsmaßnahme, nicht jedes Verbot ist ein Schritt Richtung
Diktatur. Gesetzliche Rahmenbedingungen und Anreize für technologischen
Wandel zu schaffen, ist nicht Diktatur, sondern Strukturpolitik. Aber
natürlich wäre es wichtig, einen gesellschaftlichen Konsens über die
Notwendigkeit bestimmter Maßnahmen herzustellen, damit man Zwang erst
gar nicht braucht. Ich habe einen gewissen Grundoptimismus, dass diese
Transformation gelingen wird."
Transformationen also, wohin man blickt. Und trotz aller Volatilität der Ereignisse weiß man am RECET bereits, was das Thema das nächstjährigen Festivals sein wird - Gleichheit nämlich. Womit nicht nur Spezialisten für die Französische Revolution ahnen, was dann 2024 auf der Tagesordnung stehen wird...