Die luftgefüllte Skulptur ist Teil der Installation "Kaorle am Karlsplatz" von Margot Pilz, einem zentralen Werk der 2. KlimaBiennaleWien, die am Donnerstag offiziell eröffnet wird.

Die luftgefüllte Skulptur ist Teil der Installation "Kaorle am Karlsplatz" von Margot Pilz, einem zentralen Werk der 2. KlimaBiennaleWien, die am Donnerstag offiziell eröffnet wird.
Zwei Jahre nach seiner Premiere präsentiert sich das 2024 noch für 100 Tage angesetzte Festival auf vier Wochen gestrafft. "Durch die Verdichtung sind wir jetzt näher dran am Festivalgefühl", sagte Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) bei einem Pressetermin in der Festivalzentrale im KunstHausWien, wo sich zwei Ausstellungen mit sehr unterschiedlichen Aspekten des Themas beschäftigen. Nicht nur durch den Wal, auch durch die täglichen Nachrichten aus dem Nahen Osten erweise sich, dass man "brandaktuelle Themen" bearbeite, hob die Stadträtin hervor, die auf die Absurdität hinwies, dass die Abkehr von fossilen Energien täglich dringlicher werde, das Klimathema insgesamt aber gehörigen politischen Gegenwind bekomme. Umso wichtiger seien Initiativen wie die Klima Biennale Wien: "Politik, Kunst und Klima sind nicht voneinander zu trennen. Das Schöne an Kunst ist: Sie darf Fragen stellen, die sie nicht beantworten kann."
Viele Fragen werden schon in der Ausstellung "Seeds. Reclaiming Roots, Sowing Futures", die über die am 10. Mai endende Biennale hinaus bis 14. Februar 2027 im KunstHausWien zu sehen ist, gestellt. 13 verschiedene Positionen, einige davon extra für die Schau beauftragt, beschäftigen sich aus unterschiedlichsten Perspektiven und in unterschiedlichen Medien mit dem Samen als Grundlage des Lebens. Im Zentrum steht dabei der dramatische Verlust an Biodiversität. "Über die Hälfte des weltweitweiten Saatguts stammt von vier globalen Konzernen", sagte Kuratorin Sophie Haslinger. Der dänische Künstler Tue Greenfort reagiert mit seiner Installation "Monoculture" ganz direkt darauf. Er hat in einem dreieckigen Indoor-Beet Samen der fünf hierzulande am stärksten in Monokulturen ausgebrachten Pflanzen säen lassen: Mais, Gerste, Weizen, Soja und Sommertriticale. Aus dem geordneten Grün werde im Laufe der Ausstellung ein wildwüchsiges Chaos, versicherte Greenfort.
Die Wachstumsphase hat das "Freedom Seed" des britischen Künstlerduos Ackroyd & Harvey bereits hinter sich. Ihr mit Buchstabenschablonen beim Wachsen beeinflusstes Viereck aus Schwingel- und Weidelgras-Keimlingen, die auf einem Jute-Untergrund wuchsen, hängt nun als Ausstellungsobjekt an der Wand. Die Natur hat dabei einen Text von Helene Schulze von der London Freedom Seed Bank sichtbar gemacht. Die mit einer Farben- und Formenvielfalt beeindruckenden Samen der Wienerin Michaela Putz existieren dagegen nur in der Kunst: Ihre "Postfactual Seeds" sind KI-modellierte Samen, die als gerenderte Fotos und 3-D-Drucke wunderschöne Ausstellungsobjekte hergeben.
Deutlich komplexer geht es im Garage-Raum des KunstHausWien zu, wo das von Lee Pivnik und Nicolas Baird geleitete "Institute of Queer Ecology" gastiert. In der Ausstellung "I Wish We Had More Time" sind 34 Positionen vertreten, mit denen Künstlerinnen und Künstler auf einen Aufruf reagierten. "Wie können wir die Geschichte des Diversitätsverlusts anders erzählen?", habe die Überlegung gelautet, erzählten die beiden Leiter. Ihre Antwort? "Wir brauchen eine Diversität von Ideen!" Die sind nun auf sehr engem Raum versammelt, wobei jeder Künstler, jede Künstlerin auch auf einem sich in der Mitte des Raumes drehenden Baum mit einem Objekt auf aus Metalldraht geflochtenen Mini-Nestern vertreten ist. An den Wänden sind nicht nur Videoscreens, Fotos und Objekte befestigt, an ihnen kriechen auch drei Dutzend Nacktschnecken in die Höhe. Sie stammen von der in Wien lebenden Künstlerin und Forscherin Daniela Brill Estrada aus Bogotá - und sind glücklicherweise nicht lebendig.
Durchwegs aus natürlichen Materialien gefertigt wurde hingegen jener am Rande des Karlsplatz platzierter Mercedes-Benz-SUV der G-Klasse, die als neues Statussymbol in Übergröße in Deutschland die Straßen unsicher macht. Die deutsche Künstlerin und Hochschullehrerin Folke Köbberling hat einen Abguss eines gemieteten originalen "Luxus-Offroader" abgenommen und diesen dann als "Trojanisches Pferd" aus biologisch abbaubaren Materialien wie Pappe, Jute, Lehm, Erde und Weizenkleber nachgebaut. "Maaaaash!" heißt ihre im Rahmen von "Kunst im öffentlichen Raum Wien" (KÖR) aufgestellte Skulptur, die bereits in den ersten Stunden für Hupsignale vorbeifahrender SUV-Fahrer und Erinnerungsfotos vorbeikommender Passanten sorgte, und der Titel (zu Deutsch: zerstampfen, zerdrücken, vermischen) weist bereits darauf hin, was ganz natürlich mit dem Objekt passieren wird: "Sobald der erste Regen einsetzt, beginnt der Zerfall", strahlte Köbberling, die sich seit Jahrzehnten mit natürlichen Werkstoffen in der Architektur beschäftigt, im Gespräch mit der APA. Dass an einem so prominenten Platz wohl nicht nur natürliche, sondern auch menschliche Zerstörung dem Objekt zusetzen wird, sei durchaus intendiert, erklärte sie. Ungeplant und für den natürlichen Verfall hinderlich war jedoch der Einsatz von Löschschaum gegen ein ähnliches Objekt in München, das in Brand gesteckt wurde: Die chemische Zusammensetzung des Löschmittels wusste nicht einmal die Feuerwehr ...
©APA/WOLFGANG HUBER-LANG
Der bald verrottende SUV ist Teil der Ausstellung mit dem sperrigen Titel "(No) Funny Games Oder wie wir lernten, fürsorglich zu sein und die Dystopie zu lieben", die etliche Plätze im Öffentlichen Raum bespielt. Der Stadtraum soll bei der zweiten Festivalausgabe viel stärker einbezogen werden, hat sich Festivalleiterin Sithara Pathirana mit ihrem Team vorgenommen. Hauptschauplatz ist jedoch der Park vor der Karlskirche, wo Margot Pilz eine Art Re-Aktivierung ihrer Installation "Kaorle am Karlsplatz" von 1982 vorgenommen hat. Diesmal musste sie dafür den Sand nicht selbst organisieren ("11 Lastwagen!") und beim Schaufeln selbst Hand anlegen, und noch etwas ist anders als damals: Statt einer großen, von den Stadtgärten in Schönbrunn ausgeborgten Palme ragen nun drei Kranausleger, die von der finnischen Künstlerin Pia Sirén mit grünen Plastikfetzen als überdimensionale Techno-Palmen dekoriert wurden, in die Höhe. "Es hat sich alles verändert, daher auch meine Installation", sagte Pilz, die im September ihren 90er feiert. "Und es passt so cool!"
(APA/Red)
