Am Wiener Landesgericht begann am Dienstag der zweite Prozesstag gegen Platzstürmer des Wiener-Derbys vom 22. September 2024. 14 Männer sind angeklagt, nachdem am Montag acht Fälle diversionell abgeschlossen wurden. Auch am Dienstag gab es eine Diversion für einen Unbescholtenen, der Verantwortung übernahm, mit Zustimmung der Staatsanwältin.
Der Mann muss, wie die anderen acht Männer zuvor, jeweils 150 Euro für Verfahrenskosten und je 50 Euro als symbolische Entschädigung an Rapid Wien und einen verletzten Polizisten zahlen. Beide hatten sich als Privatbeteiligte dem Verfahren angeschlossen. Zudem erhielt er für zwei Jahre ein Stadionverbot für alle Spiele der ersten und zweiten Bundesliga, den ÖFB-Cup, internationale Begegnungen mit österreichischer Beteiligung, Nationalmannschaftsspiele und Freundschaftsspiele in Österreich. Hält er sich daran, bleibt er unbescholten.
Keine Diversionen für Vorbestrafte nach Platzsturm bei Wiener Derby
Der Verfahrensverlauf deutet darauf hin, dass jene Angeklagte, die noch nicht in Kontakt mit der Justiz gekommen sind, eine Diversion angeboten bekommen. Vier der Angeklagten sind vorbestraft. "Es war ein großer Fehler, dass ich überhaupt bei dem Spiel war", sagte ein Austrianer mit fünf Vorstrafen. Der Familienvater absolviert bereits freiwillig ein Anti-Gewalt-Training. "Ich bin jetzt viel reifer im Kopf, als damals", erklärte der 30-Jährige.
Mehrere Angeklagte schilderten am Dienstag, sie hätten an jenem Tag bis zu zehn Bier oder mehr getrunken. "Ich trinke seitdem keinen Alkohol mehr", erzählte heute ein 21-jähriger Austrianer, der in der Vergangenheit dreimal verurteilt wurde. Er sei "am besten Weg" zu einer besseren Zukunft. Ein 34-jähriger Rapidler berichtete ebenfalls, er sei stark betrunken gewesen. 2023 war ein Verfahren wegen Nötigung und Körperverletzung gegen ihn nach einer Diversion eingestellt worden. Er ist damit nach wie vor unbescholten, allerdings verwehrte ihm die Richterin eine weitere Diversion.
Staatsanwältin: "Quasi kriegsähnlicher Zustand"
Im Allianz Stadion war es im September 2024 schon während, vor allem aber nach dem Match zu unfassbaren Szenen gekommen, als gewaltbereite Zuschauer den Platz stürmten. Fans beider Lager zündeten pyrotechnische Gegenstände und gingen aufeinander bzw. auf Polizisten los. Staatsanwältin Kristina Kamauf sprach beim Prozessauftakt von einem "quasi kriegsähnlichen Zustand". Es seien zahlreiche Menschen teilweise schwer verletzt worden. Eine Polizeibeamtin erlitt Verbrennungen, ein männlicher Kollege einen vorübergehenden Hörverlust sowie einen Tinnitus am linken Ohr. Sein Vertreter forderte 5.000 Euro Schadenersatz. Bei einem weiteren Polizisten kam es zu Absplitterungen an den Zähnen, als dessen Zahnspange aus dem Mund gerissen wurde. Ein Fan landete mit einem Bruch des linken Kieferhöhlenbodens, einem Bruch der linken Augenhöhle, einem Bruch des linken Jochbeins und einer Nasenbeinfraktur im Spital.
Kamauf legt den Angeklagten unter anderem schwere gemeinschaftliche Gewalt (§ 274 StGB), aber auch Widerstand gegen die Staatsgewalt (§ 269 StGB) zur Last. Rapid forderte 1.000 Euro Schadenersatz von 21 der 22 Angeklagten. Die Verteidiger der Männer hatten am ersten Prozesstag betont, dass es sich um Familienväter oder Männer mit einem geregelten Leben handle. Viele von ihnen seien zuvor nie gewalttätig geworden und säßen heute das erste Mal auf der Anklagebank. Das zeige, "dass hier nicht der klassische Hooligan sitzt, hier sitzen zum Großteil unbescholtene Männer", sagte eine Verteidigerin. In der Rapid-Kurve stehe ein "Querschnitt der gesamten Gesellschaft", fügte Pia Kern, die Anwältin eines weiteren Mannes hinzu.