Ein Geschworenengericht in Wien befasste sich mit einer Messerstecherei nahe dem Westbahnhof. Drei jugendliche Angeklagte gaben unterschiedliche Versionen des Vorfalls an. Ein Mann erlitt dabei sieben Stich- und mehrere Schnittverletzungen. Die Angeklagten im Alter von 15, 16 und 18 Jahren bekannten sich nicht schuldig des versuchten Mordes.
"Wann ist Ihnen diese schöne Geschichte eingefallen?", fragte der Vorsitzende des Schwurgerichts, Andreas Hautz, wiederholt. Die Jugendlichen schilderten höchst abenteuerliche Versionen der Ereignisse und beschuldigten sich teilweise gegenseitig. Vor Gericht beteuerten alle, diesmal wirklich die Wahrheit zu sagen. "Ich bin genauso gespannt wie Sie, was sie heute erzählen", äußerte die Staatsanwältin gegenüber den Geschworenen. "Es gibt keine Klarheit in dem Verfahren", musste auch Verteidiger Florian Kreiner eingestehen. "Nicht bei dem Opfer, den Zeugen und den Angeklagten."
Beschuldigte in Gerichtsverhandlung wegen brutaler Messerattacke ohne Unterkunft und Job
Laut Staatsanwaltschaft gehört das Trio - zwei von ihnen standen schon wegen Gewaltdelikten vor Gericht - einer Gruppe Jugendlicher an, die alle ohne Beschäftigung und ohne Unterkunft sind bzw. aus betreuten Wohngemeinschaften stammen. Sie verbringen viel Zeit im Emil-Maurer-Park, wo sie "immer wieder in Straftaten verwickelt sind", sagte die Anklägerin. Erst vergangene Woche musste eine der nun Angeklagten wegen eines gewalttätigen Übergriffs in dem Park vor Gericht als Zeugin aussagen.
Am 19. September 2025 geriet der Drittangeklagte - ein bisher unbescholtener 18-jähriger Syrer - mit einem 37-jährigen Mann in Streit. Der Ältere verpasste dem jungen Mann mit dem Ellbogen einen so heftigen Schlag, dass der damals 17-Jährige eine blutige Nase davontrug. Um sich zu waschen, ging er in die nahe Wohnung seiner Ex-Freundin, der 16-jährigen Angeklagten. Die Syrerin war zwar nicht zu Hause, aber er wusste, wie er die Tür aushebeln und hineinkommen konnte. Weil er wegen eines Treffens wieder in den Park zurück musste, nahm er ein Brotmesser an sich. "Aus Angst", falls er von dem Kontrahenten erneut angegriffen würde.
Opfer erlitt bei brutaler Messerattacke sieben Stichverletzungen
Am Weg habe er dann die 16-jährige Ex und die 15-Jährige getroffen, die so von der Auseinandersetzung erfuhren. Laut Staatsanwaltschaft soll der 18-Jährige auf den Mann mit dem Messer losgegangen sein, der sich zunächst auf einen Tisch flüchtete. Dabei erlitt er Schnittverletzungen an den Beinen. Aufgrund der blutigen Blessuren wollte er davonlaufen, aber dann sollen ihn auch die Mädchen attackiert haben. Neben den Schnittverletzungen trug er auch sieben Stichwunden, unter anderem im Rücken, davon. Der 37-Jährige befand sich bereits in einem Blutschock, ein lebensbedrohlicher Zustand, verursacht durch massiven Blutverlust. Ohne rasche Hilfe wäre er an den Verletzungen verstorben. "Wer hat dem Mann in den Rücken gestochen?", fragte der Richter. "Ich weiß es nicht", meinte die 16-Jährige. "Es kommen ja nur Sie drei in Frage."
Der 18-Jährige behauptete, er hätte mit dem Brotmesser nur "ziellos" herumgefuchtelt. Er könne somit nur für die Schnittverletzungen verantwortlich sein, da auch die Spitze der Waffe abgerundet gewesen sei. Seine Ex hätte sich von hinten auf den 37-Jährigen gestürzt. Ob sie auch zugestochen habe, konnte er nicht sagen.
Die 16-Jährige wiederum meinte, sie habe das Messer von der 15-Jährigen - eine gebürtige Rumänin - nur übernommen. Sie wollte verhindern, dass die Jüngere zusteche. Zudem wollte sie sich wehren, weil sie von dem 37-Jährigen mit einem Gürtel attackiert wurde, dabei habe sie ihr eigenes Klappmesser verloren. Die 15-Jährige wiederum will bei dem Angriff gar nicht dabei gewesen sein, sie hätte das Ganze nur aus der Ferne betrachtet. Vielmehr wären der 18-Jährige und "drei bis vier Jungs" auf den Mann losgegangen. Die 16-Jährige hätte ihr das blutige Messer nur auf der Flucht zugesteckt. "Versteck das Messer, sonst wird das alles nicht gut enden", soll die Freundin gesagt haben. Die Waffe stellte die Polizei dann bei der 16-Jährigen sicher.
Gerichtsverhandlung wegen brutaler Messerattacke: Eine Tatwaffe bleibt verschwunden
Tage später wurde von den Beamten auch das Klappmesser in einer Wiese entdeckt, zudem ein Brotmesser, das allerdings nicht bei dem Angriff eingesetzt wurde. Das dürfte von jemand anderem in dem Park versteckt worden sein. Die dritte Tatwaffe wurde bis heute nicht sichergestellt. Im Anschluss rannten die Jugendlichen davon. Sie behaupteten, der 37-Jährige sei da noch aufrecht gestanden. "Hätte ich gesehen, dass er schwer verletzt gewesen wäre, wäre ich nicht weggelaufen, sondern wäre bei ihm geblieben", behauptete der 18-Jährige. Ein Urteil wird es zunächst nicht geben. Der Prozess wird auch aufgrund organisatorischer Schwierigkeiten am morgigen Mittwoch fortgesetzt. Zeugen, die sich auf freiem Fuß befinden, tauchten bei dem Termin am Dienstag nicht auf. Sie sollen nun polizeilich vorgeführt werden. Deshalb werden jetzt Dolmetscher gesucht, die für den zweiten Verhandlungstag Zeit haben. Zwei der insgesamt vier Übersetzerinnen und Übersetzer kamen heute umsonst.
Opfer nach brutaler Messerattacke in Strafhaft
Auch das Opfer konnte am heutigen Prozesstag nicht einvernommen werden. Es befindet sich in Strafhaft in Eisenstadt und wurde einfach nicht überstellt, wie Richter Hautz in einer Verhandlungspause in Erfahrung bringen konnte. Verzögerungen gab es auch durch die Vorführung von zwei Zeugen, die sich in der anliegenden Justizanstalt Josefstadt in Haft befinden. Es mussten erst genügend Justizwachebeamte gefunden werden, um die Überstellung zum Verhandlungssaal vonstatten gehen zu lassen.