Josef Grünwidl ist neuer Erzbischof von Wien. Am Samstag wurde der 62-Jährige im Stephansdom geweiht und in sein Amt eingeführt. In seiner Ansprache rief er zu Bescheidenheit, Zuhören und einer Kirche jenseits von Strukturen auf – mit offenem Ohr für alle.
Josef Grünwidl hat am Samstag das Amt des 33. Erzbischofs von Wien übernommen. Die Weihe und die anschließende Amtseinführung haben im Wiener Stephansdom stattgefunden. Geleitet wurde die Zeremonie bis zur Weihe von Grünwidls Vorgänger, Kardinal Christoph Schönborn. Rund 3.000 Menschen hatten sich dazu im Dom eingefunden, darunter Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) sowie Vertreter anderer Religionsgemeinschaften.
Kirche im Wandel – und doch mehr als Struktur
Ihm sei bewusst, das Amt in politisch und wirtschaftlich bewegten, schwierigen Zeiten zu übernehmen, betonte Grünwidl nach der Amtsübernahme. Auch in der römisch-katholischen Kirche sei derzeit vieles im Umbruch. Diese sei aber mehr als ihre sichtbare Gestalt und definiere sich nicht über Statistiken und Strukturen, betonte der neue Erzbischof - auch nicht über das "Bodenpersonal Gottes", das vieles leiste, "aber auch oft traurig versagt". "Nehmt Gottes Melodie in euch auf!", animierte der ausgebildete Organist die Anwesenden.
Amtseinführung von Erzbischof Grünwidl
© APA/ERZDIÖZESE WIEN/SCHÖNLAUB
Glückwünsche aus Politik und Gesellschaft
Ansprachen und Glückwünsche im Stephansdom gab es nach der Weihe auch von Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) und vom Wiener Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ). Der ebenso anwesende Bundeskanzler Stocker gratulierte Grünwidl per Aussendung und meinte: "Ich freue mich auf ein konstruktives Miteinander, vor allem, wenn es um den Dialog und den Zusammenhalt in unserem Land geht. Das Wirken des neuen Erzbischofs wird einen unverzichtbaren Beitrag für Solidarität, Nächstenliebe und Verantwortung füreinander leisten."
Schönborn war vor der Weihe durch alle 28 anwesenden Bischöfe auf Grünwidls anfängliche Skepsis gegenüber der Berufung eingegangen. "Verfügbar bist du jetzt und stehst du hier", zitierte der Kardinal den neuen Erzbischof, der nach dessen Ernennung durch Papst Leo XIV. dann doch gemeint hatte, Gott wolle ihn nicht perfekt, sondern verfügbar. Auch Ratschläge hatte der Kardinal bereit, etwa: "Höre auf die Menschen, die dir die unangenehmen Nachrichten geben. Nichts ist gefährlicher, als wenn dem Chef nur mehr gute Nachrichten gegeben werden dürfen." Auch ein "hörendes Herz für die sogenannten einfachen Menschen" sei wichtig.
Bescheidene Amtseinführung im Wiener Stephansdom
Nicht nur der Besucherandrang, auch die Sicherheitsvorkehrungen rund um den Stephansdom und in der Kirche waren enorm. Grünwidl ging zu Fuß vom Erzbischöflichen Palais, wo er ein Gebet sprach, in den Dom. Begleitet wurde er von zwei Priestern, zu denen er einen persönlichen Bezug hat. Vor Beginn des Gottesdienstes läuteten die Glocken in der gesamten Erzdiözese zehn Minuten lang. Auch während der Weihe-Zeremonie läutete die "Pummerin", die Glocke des Stephansdom.
Als Erzbischof will sich Grünwidl bescheiden geben: Entgegen der Tradition begann die Feier nicht gleich am Altar, sondern beim Taufbecken. Bei den Insignien hat sich der neue Erzbischof für jenen Holzstab entschieden, den bereits der verstorbene Weihbischof Helmut Krätzl getragen hatte. Zudem trägt Grünwidl einen lediglich versilberten Konzilsring. Außerdem will er gleich in den ersten Tagen einen Gottesdienst mit den armen Menschen abhalten, dessen Ort geheim bleiben soll.
Amtsübernahme nach schwieriger Suche
Grünwidl leitet die Erzdiözese Wien bereits seit einem Jahr. Am 22. Jänner des Vorjahres wurde der damalige Bischofsvikar nach dem Rücktritt Schönborns vom Vatikan zum Apostolischen Administrator ernannt, nachdem sich die Suche für einen Nachfolger schwierig gestaltete. Im Oktober erfolgte dann die Ernennung Grünwidls als Erzbischof. Der 62-Jährige wurde von Schönborn gemeinsam mit Franz Lackner, Erzbischof von Salzburg, und Stanislav Přibyl, Bischof der tschechischen Diözese Leitmeritz/Litoměřice, zum Bischof geweiht.
Zölibat soll "freie Entscheidung" sein
Der gebürtige Weinviertler hat neben Theologie auch Orgel als Konzertfach studiert. Seit seiner Priesterweihe im Jahr 1988 war er in mehreren Pfarren in Niederösterreich aktiv. Auch wegen seiner Teilnahme an der Rom-kritischen Pfarrer-Initiative um Helmut Schüller gilt Grünwidl als vergleichsweise progressiv in der römisch-katholischen Kirche: Das Zölibat sollte seiner Meinung nach eine "freie Entscheidung" sein und er befürwortet eine Diskussion über Diakoninnen. Ob Grünwidl wie Schönborn und dessen Amtsvorgänger auch zum Kardinal ernannt wird und damit ein Stimmrecht bei der Wahl des nächsten Papstes bekommt, ist noch offen.